Alanis Morissette mit neuem Album - Die Weggabelungen des Lebens

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Tonart | Beitrag vom 31.07.2020

Alanis Morissette mit neuem AlbumDie Weggabelungen des Lebens

Von Marcel Anders

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Die Sängerin Alanis Morissette in der Neujahrsnacht 2020 bei einem Konzert am New Yorker Times Square. (Imago Images / PA Images)
In den letzten Jahren hat sich Alanis Morissette sehr aufs Privatleben konzentriert. Jetzt meldet sie sich mit einem neuen Album zurück. (Imago Images / PA Images)

Lange war es ruhig um die Sängerin Alanis Morissette. Jetzt wagt sie ihr Comeback mit dem Album "Such Pretty Forks In The Road". Es sind Songs für die "Ü-40"-Fans, mit politischen Texten und Kritik an der Musikbranche.

"Wir unterrichten unsere Kinder informell und zu Hause - nach der Multiplen Intelligenz-Theorie von Howard Gardener. Das heißt, wir stellen sicher, dass sie sich genauso viel mit Mathematik wie mit Purzelbäumen, Taekwondo und Kochen befassen – um alle Bereiche des Gehirns anzusprechen. Insofern waren die letzten zehn Jahre Familienleben eine echte Herausforderung."

Die hätte sie, sagt die Sängerin Alanis Morissette, komplett vereinnahmt. An neue Songs sei nicht zu denken gewesen. Bis sie 2018 gebeten wurde, für die Broadway-Adaption ihres Bestsellers "Jagged Little Pill" zu komponieren. Der Startschuss zu einem Album, das sich als extrem ruhig erweist, sich vornehmlich im Midtempo bewegt und – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – ohne elektronische Sounds auskommt. Es dominieren organische, warme Töne von Gitarren, Streichern und Klavier.

"Anfangs habe ich es 'das Piano-Album' genannt", erläutert die Musikerin. "Denn sämtliche Stücke sind mit meinem Keyboarder Mike Farrell entstanden. Ich hatte ihn eingeladen, es mit mir zu probieren – und dann konnten wir nicht mehr aufhören. Das Ergebnis war tatsächlich nur Klavier und Gesang, bis ich Alex Hope und Catherine Marks als Produzenten verpflichtet habe. Sie hatten wunderbare Ideen und ich habe sie einfach machen lassen. Ich habe die Kontrolle abgegeben und mich entspannt."

Texte für die sozio-politische Bühne

Das wirklich Spannende an diesem Album sind allerdings die Texte. In denen zeigt die gebürtige Kanadierin ihre wahre Stärke: Was zunächst wie eine Analyse von komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen anmutet, lässt sich auch auf die große sozio-politische Bühne übertragen, ist Kommentar zum Zeitgeist und zur Lage der Nation.

Dabei setzt Morissette auf Optimismus. Wie im Albumtitel "Such Pretty Forks In The Road". Eine Redewendung, die besagt, die Gabelungen auf der Straße des Lebens zu erkennen und zu nutzen: "Einfach, indem man Risiken eingeht. Das beginnt bei der Frage, ob man jemanden heiraten soll, über was man frühstückt bis hin zu der Entscheidung, noch ein weiteres Kind zu haben. Es tun sich jeden Tag so viele Wendepunkte auf, denen man offen gegenüberstehen muss. Zu 90 Prozent markiere ich sie, zu zehn Prozent bin ich sarkastisch und tue so, als ob sie wunderbar wären – obwohl sie das nicht sind. Manchmal sind sie sogar ziemlich beängstigend."

Schallende Ohrfeige für die Musikindustrie

Ein Album, das praktische Lebenshilfe erteilen will, etwas von einem Ratgeber zum Umgang mit Alltagsproblemen hat und auf Mut und Versöhnung setzt. Seine Mission – so Morissette im Stück "Ablaze" – bestehe darin, das Licht in unseren Augen am Lodern zu halten. Wobei auch sie Momente hat, in denen sie ihre Wut nicht kaschieren kann. Etwa im Song "Reckoning" über ihren Ex-Manager, der fünf Millionen Dollar veruntreut hat. Oder "Reasons I Drink", eine schallende Ohrfeige für die Musikindustrie.

"In der Branche regiert nach wie vor das Patriarchat. Nicht mehr so schlimm wie in den 90ern, aber es ist immer noch vorhanden. Die Me Too-Bewegung hat vor allem Licht auf die Filmindustrie geworfen, dabei ist das in der Musikindustrie noch ausgeprägter."

Die Schelte kann sie sich leisten: Alanis Morissette hat ein Album mit Tiefe aufgenommen, das ihrem Alter und ihrer Lebenssituation entspricht - und großes Identifikationspotenzial hat. Gerade für ein Publikum jenseits der 40, das kein zweites "Jagged Little Pill" braucht. Schließlich ist es mit dem Klassiker der 1990er aufgewachsen. Jetzt darf es auch mal ein bisschen langsamer und sanfter sein.

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