Der Fuchs - Was den scheuen Räuber so faszinierend macht

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Sonntag, 05.07.2020
 
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Zeitfragen | Beitrag vom 25.06.2020

Der FuchsWas den scheuen Räuber so faszinierend macht

Von Georg Gruber

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Ein Fuchs nachts am Berliner Alexanderplatz, im Hintergrund Lampen und Schaufenster. (imago / A. Friedrichs)
Wem gehört die Stadt? Ein Rotfuchs ist zur späten Stunde am Berliner Alexanderplatz unterwegs. (imago / A. Friedrichs)

Sein Lebensraum reicht von der Arktis bis zu den Tropen. Längst hat der Fuchs auch unsere Städte erobert - und die Herzen vieler Menschen: Vom berüchtigten Hühnerdieb ist er zum Sympathieträger geworden und zum Heldentier vieler Kinderbücher.

Wer Füchse sehen möchte, muss Glück haben - und früh aufstehen. Und möglichst leise sein.

Halb sechs Uhr morgens in einem Wald in Oberbayern, Ende April. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Ich bin unterwegs mit Marcus von Jordan. Er ist Jäger und weiß, wo Füchse zu finden sind:

"Ich würde sagen, das hier ist schon ein ziemliches Fuchs-Paradies. Das hier ist ein Auwald, an dem Roßbach entlang, es gibt auch viele Biber. Hier kommt eigentlich niemand hin, hier gibt es keine Wanderwege, ist alles Dead End. Wenn man hier draußen ist, hat man auch komplett seine Ruhe und die Füchse auch."

An diesem abgelegenen Platz haben Füchse zahlreiche Gänge in einen Hang gegraben. Wir sitzen auf dem Waldboden, auf einer Decke, vielleicht 40 Meter von dem Hang entfernt – und warten. Mit etwas Glück können wir vielleicht sogar junge Fuchswelpen sehen. Ein Wurf besteht normalerweise aus vier bis sechs Jungen, kann aber auch größer sein.

"Dann ist es immer so nett anzusehen, weil man jetzt, um die Jahreszeit am besten die Fähen und die Rüden, also die Weibchen und Männchen unterscheiden kann", sagt der Jäger. "Weil die Fähen total gerupft ausschauen, weil die den ganzen Tag mit den Bälgern in der Röhre sitzen und die halt nur am Spielen und Kämpfen und Rupfen sind und die total zerfetzen, die Mutter. Sie schauen echt aus wie nach einem Schleudergang. Total abgerockt."

Das ganze Maul voller Mäuse

Nachts gehen die Füchse auf die Jagd. Wenn sie Nachwuchs haben, bringen sie die Beute, vor allem Mäuse, mit in den Fuchsbau.

"Das siehst du dann regelmäßig morgens, dass der Fuchs auf dem Weg nach Hause zum Bau so einen richtigen Ball aus Mäusen im Maul hat, wo er so richtig den Fang ganz weit aufsperren muss. So ein Riesending, so ein Batz aus  Mäusen nur noch. Es ist ziemlich grauselig, aber natürlich ziemlich beeindruckend auch."

Ein Fuchs schaut hinter grünen Blättern hervor. (imago /Yuri Smityuk/TASS )Von der Arktis bis zu den Tropen: Füchse gibt es fast überall auf der Welt. (imago /Yuri Smityuk/TASS )

Der Fuchs ist geschickt und schnell. Und er hat ein ausgezeichnetes Gehör, so kann er seine Beute leicht orten. Biologisch gesehen gehört der scheue Räuber, der eine Schulterhöhe von bis zu einem halben Meter haben kann, zur Familie der Hunde, erklärt der Biologe Josef Reichholf:

"Innerhalb dieser Familie wird er aber in der Regel in einer eigenen Gattung geführt, der Gattung der Füchse. Man könnte grob vereinfacht sagen, das sind die Klein-Hunde, die zwar den größeren Hundeartigen Wolf, Haushund und Schakal ähnlich sind, in vielerlei Hinsicht. Aber bedingt durch Körpergröße und Lebensstil dann doch so weit unterschiedlich einzustufen sind, dass man sie in eine eigene Gattung steckt."

Füchse sind sehr, sehr schöne Tiere: Dieses Fell, das ja nicht nur irgendwie rot ist, sondern schwarz, weiß, braun, rot verschieden gepunktet. Wenn man so einen Fuchs näher vor sich hat, sieht man, wie farbenfroh und bunt dieses Fell eigentlich ist. Und dann die schönen, bernsteinfarbenen Augen. (Sophia Kimmig, Biologin, Fuchsexpertin)

Auch den Biologen Josef Reichholf treffe ich in einem Wald, nahe seinem Wohnort im Landkreis Altötting. Füchse sehen wir nicht – auch wenn kein Raubtier auf unserem Globus so weit verbreitet ist:

"Füchse leben in freier Natur eigentlich überall, kann man sagen und zwar wirklich in diesem Sinne, denn die nördlichste Fuchsart, der Polarfuchs, lebt teilweise auf dem Eis und natürlich in der hocharktischen Tundra. Und der Wüstenfuchs, der Fennek, lebt in den Wüstengebieten der Sahara. Und zwischen diesen Extremen bis hinein in die Wälder der Subtropen und Tropen kommen überall Fuchsarten vor. Und die Art mit der geografisch gesehen größten Verbreitung ist tatsächlich unser Rotfuchs, weil er von Westeuropa und im Süden Europas bis nach Ostasien verbreitet ist und damit in der Größe einen ganzen Kontinent besiedelt."

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Der Grund für die weite Verbreitung: Füchse sind besonders anpassungsfähig. Ihre wichtigste Nahrung: Kleinsäuger, wie Mäuse, Kaninchen oder junge Hasen – doch die sind schon so ziemlich das größte. Dazu kommen Frösche und Jungvögel, aber auch Aas, Früchte und Abfälle.

"Die Füchse sind nicht wählerisch und dürfen auch nicht wählerisch sein, weil ein beständig hohes Nahrungsangebot nirgends vorhanden ist", sagt Reichholf.

"Selbst in den Städten, wo es ihnen in dieser Hinsicht relativ gut geht, kommen natürlich Nahrungsengpässe. Und wenn dann der Fuchs, weil Menschen festgestellt haben, dass es ein nettes Tier ist, als Kostgänger zur Katzenschüssel kommt, dann ist das natürlich eine ideale Situation, über schwierige Zeiten hinwegzukommen, im Wald draußen gibt es das Katzenfutter oder das Hundefutter nicht."

Der Fuchs als Symbol für die verführerische Frau

Fuchs und Mensch leben in einer wechselvollen und ambivalenten Beziehung, seit Jahrhunderten. Von den einen gehasst und gefürchtet, als Räuber und Krankheitsüberträger, von den anderen geliebt, scheu und schön. wie er ist, mit seinem leuchtend roten Fell. In Japan wird er vielerorts sogar als heilig verehrt:

"Japan ist übersät von Fuchsstatuen", sagt die Literaturwissenschaftlerin Katrin Schumacher. "Das ist schon Reisenden im 19. Jahrhundert aufgefallen. Und das hat damit zu tun, dass diese Steinfüchse den Schrein der höchsten japanischen Gottheit, der Shinto-Gottheit Inari bewachen. Und sie ist Reis,- Fruchtbarkeits- und Fuchsgottheit in einem."

Außerdem gebe in Japan seit jeher einen starken Fuchsgeisterglauben:  

"Kitsune ist der Name für Fuchs, und das bedeutet sowieso schon 'Geisterfuchs'. Diese Fuchsgeister sind meist Frauen, die dann auch gezielt verführen. Es steht übrigens in jedem Bordell ein Inari-Schrein und der Name für Geisha oder Prostituierte ist seit jeher 'Kitsune'."

Alles was Sie schon immer über Füchse wissen wollten; Katrin Schumacher hat es aufgeschrieben, in dem sehr lehrreichen Buch "Füchse. Ein Portrait". Am meisten, sagt sie, habe sie die "Über-Codiertheit" dieses Tieres fasziniert: 

"Er ist überall in unserer Kultur zu Hause: in der Werbung, im Comic, im Manga, in der Literatur, in der Kunst, er ist Emblem am Bonanzarad mit seinem Fuchsschwanz, er ist Bausparfuchs und das Krafttier vom Donnergott Thor. Er ist in der Bibel, als Foxy Lady im Jimi-Hendrix-Song – also: er ist auf ganz wunderlich Weise kultur- und alltagspräsent, er ist überall. Aber er ist auch als lebendiges Tier kaum zu fassen."

Fuchsstatuen umsäumen das Torii zu einem Schrein.  (imago / Danita Delimont)Steinfüchse bewachen den Schrein der höchsten japanischen Gottheit, der Shinto-Gottheit Inari. (imago / Danita Delimont)

Seine Schlauheit und seine List haben ihm zu einem besonders prominenten Platz in der Welt der Fabeln verholfen, die seit dem 6. Jahrhundert vor Christus entstanden. Er ist dort öfter anzutreffen als Löwe, Hase oder Rabe – den der Fuchs ja dann bekanntermaßen auch noch überlistet, indem er ihm sagt, wie schön er doch singen könne. Worauf der Rabe, um loszukrächzen, den Käse, den er im Schnabel hält, fallen lässt. Zur Freude des Fuchses.

"Es gibt noch viele andere Fabeln, in denen der Fuchs ein anderes Tier überlistet, indem er mit dessen Sehnsüchten oder Eitelkeiten hantiert, die erkennt oder benutzt. Auf der anderen Seite gibt es Fabeln, in denen der Fuchs selbst überlistet wird – etwa, wenn er die Katze verhöhnt, die könne ja nur springen und sonst keine anderen Künste, und als die Hunde kommen, ist es ihr vergönnt, auf den Baum zu fliehen, während der Fuchs von den Hunden zerrissen wird."

Besonders interessant finde ich, dass die Füchse so unterschiedliche Charaktere besitzen und sich auch ganz unterschiedlich verhalten. Es sind wirklich Individuen. Fuchs ist also nicht gleich Fuchs. (Christof Janko, Biologe)

"Die Art, wie wir die Füchse aus der überkommenen Sicht der Fabeln oder der alten Erzählungen sehen, ist geprägt von einer Zeit, in der man noch keine ordentlichen Zäune machen konnte, in der die Hühner nicht eingesperrt waren und zu Eierleg-Maschinen umfunktioniert worden sind, sondern frei liefen im Hof und sich unter Umständen auch mal in der Nacht draußen irgendwo hinsetzten zum Schlafen", erklärt der Biologe Josef Reicholf.

"Da hat dann der Fuchs nicht die Gans gestohlen, sondern das Huhn geholt, wie auch der Marder. Das waren Zeiten, in denen solche Verluste für die Menschen zählten. Und deswegen war der Fuchs natürlich ein Tier, das bekämpft werden musste. Das aber mit seiner Schläue, so interpretierten es die Menschen, auch immer wieder die Grenzen des Vorstellbaren aufzeigte, weil die Füchse doch immer wieder Mittel und Wege fanden, an die Hühner heranzukommen oder vielleicht auch mal ein Kaninchen sich zu holen, das später gegessen werden sollte. Und das führte zu dieser Vorstellung: Der Kerl ist zwar klein, aber er ist gerissen. Er ist keine wirkliche Gefahr für uns Menschen, wir können ihn totschlagen und er flüchtet, wenn wir auftauchen, aber er kommt nächtens, er kommt zu Zeiten, wo er feststellt, da ist die Luft rein, da kann ich etwas erreichen."

Zur Märchenfigur taugt der doppeldeutige Fuchs nicht

Interessanterweise gibt es zwar viele Fabeln, in denen der Fuchs eine prominente Rolle spielt, als Märchenfigur scheint er aber nicht zu funktionieren. Der Fuchs ist zu doppeldeutig.

"Er ist niemals schwarz oder weiß, er ist immer beides", sagt die Literaturwissenschaftlerin Katrin Schumacher. "Er ist nie nur gut oder nur böse, sondern immer situativ und er ist – ja – einfach nicht zu fassen, immer neben der Spur."

Seit einigen Jahrzehnten schon hat sich der Fuchs auf den Weg gemacht – in die Städte. Dort leben heute mehr Füchse als im Wald und auf dem Land, erklärt der Wildbiologe Christof Janko:

"Der Fuchs braucht im Prinzip drei Dinge: Das ist einmal natürlich Nahrung, dann braucht er sichere Wurfbaue für den Nachwuchs und er braucht Tagesschlafplätze, wo er sich tagsüber verstecken kann. Und in der Stadt sind diese drei Ressourcen sehr eng in der Fläche verteilt. D.h. auf sehr kleiner Fläche findet er diese Ressourcen vor."

Nahrung ist im Überfluss vorhanden, auf Komposthäufen, in Mülltonnen, weggeworfenes Essen in Parks.

"Und das führt dazu, dass wir in der Stadt zehnmal soviel Füchse haben im Vergleich zum Land", sagt Janko. "Also wir gehen in der Stadt davon aus, dass wir so zehn bis fünfzehn Füchse pro hundert Hektar haben. Und in der freien Landschaft, also in Wald und Feld, da sind wir bei ein, zwei oder drei Füchsen pro hundert Hektar."

"Doch wenn wir über die Ankunft der Füchse in unseren Städten sprechen, sollten wir uns auch daran erinnern, dass diese Städte selbst unaufhörlich in traditionelles Fuchsland hineinwachen", mahnt die britische Ökologin und Fuchsfreundin Adele Brand in ihrem Buch "Füchse. Unsere wilden Nachbarn".

"Und trotz aller Kampagnen zum Erhalt von Grünzonen schreitet dieser Prozess ungebrochen voran."

Einfamilienhäuser und Schrebergärten - das liebt der Fuchs

Doch auch in der Stadt braucht Glück, wer einen Fuchs sehen möchte. Früh aufstehen erhöht die Chancen.

6 Uhr morgens, unterwegs auf Fuchssuche in Berlin, auf einem weitläufigen, nicht öffentlich zugänglichen Werksgelände. Mit großen Grünflächen, vielen Bäumen, Büschen und Unterholz der perfekte Ort:

"Es ist abgeschirmt. Und umgeben ist das Gelände von Einfamilienhäusern und Schrebergärten. Da gibt es viel Nahrung für den Fuchs. Das heißt, eigentlich ist das hier ein ideales Fuchsrevier", erklärt Sophia Kimmig, Biologin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Sie zeigt auf einen deutlich sichtbaren Trampelpfad im Gras, einen Fuchs-Trampelpfad.

"Und dem laufen wir  jetzt einfach mal hinterher, würde ich sagen. Hier kann man richtig sehen, dass sie immer die gleichen Wege nutzen, sich wirklich kleine Trampelpfade bilden. Das kann sehr hilfreich sein, wenn man nach den Bauten sucht. Wenn man  quasi den meist genutzten Wegen hinterherläuft und schaut, wo sie hinführen."

In einem Forschungsprojekt untersucht die Biologin seit 2015, wie sich Füchse an das Leben in der Stadt anpassen. Dafür hat sie Füchse gefangen und mit einem Halsbandsender versehen, auch Tiere auf diesem Gelände. So will sie herausfinden, wie sich Füchse in der Stadt bewegen:

"Manche Füchse sind sehr standorttreu und andere Tiere laufen große Distanzen durch die Stadt und sind richtig viel unterwegs durch verschiedene Stadtteile, manchmal 15 Kilometer in einer Nacht. Aber für die systematische Auswertung, inwieweit bestimmte Verhaltensmuster und Aktivitäten zusammenhängen mit Landschaftsstrukturen, vielleicht menschlichem Verhalten, daran arbeiten wir gerade."

Man erkennt ihn auch am Geruch

Zumindest die Fuchsbauten sind an diesem Morgen leicht zu finden, denn der Berliner Boden ist sandig. Und helle Auswürfe zeigen: Hier hat der Fuchs sich einen Gang gegraben.

"Hier riecht es tatsächlich auch gerade nach Fuchs, ich weiß nicht, ob Sie das riechen können. Das ist so ein leichter Ammoniak-Geruch, vom Markieren", sagt Kimmig. "Füchse sind sowieso sehr muffelige Zeitgenossen, die riechen recht intensiv. Und an Stellen, an denen sie markieren, kann man das oft riechen. Das heißt, wenn man mit offener Nase durch den Wald geht, zum Beispiel, hat man auch Chancen, dass man dadurch rausfindet, wo man im Fuchsrevier ist."

Es stimmt, es riecht streng. Sophia Kimmig geht vor einem Loch in die Knie und zeigt auf den frischen Sand, in dem sich deutlich Pfotenspuren abzeichnen:

"Das heißt, dieser Bau wird tatsächlich genutzt. Und wenn ich das richtig sehe, sind das auch große und kleinere Pfoten. Das könnte heißen, dass die Jungtiere hier schon anfangen rauszukommen."

Aber nicht nur der Fuchs wandert in die Städte ein, sondern auch andere Wildtiere. Ein Phänomen, das sich weltweit beobachten lässt, sagt der Evolutionsbiologe Josef Reichholf.

"Wir haben in anderen Großstädten Elche, an der Peripherie von Rom leben Wölfe, die auch in die peripheren Stadtviertel nachts eindringen. Wir haben Bären in Rumänien am Rand der Ortschaften, in Nordamerika passiert es, dass Weißwedelhirsche in die Vorgärten hineinziehen, wenn die Jagdsaison beginnt, und warten, bis das böse Spektakel vorbei ist. Und dann gehen sie wieder nach draußen. Und und und. Das heißt, Säugetiere und viele Vogelarten können aufgrund der Tatsache, dass sie ein genügend entwickeltes Gehirn haben und dass sie flexibel genug sind, in ihren Lebensansprüchen sehr wohl sehr gut mit der Menschenwelt zurechtkommen, wenn man sie lässt. Sie sind nicht auf den Urwald angewiesen. Das trifft weder für den Wolf zu und schon gar nicht für den Fuchs."

Mich als Wissenschaftlerin fasziniert dieses Einsickern des Fuchses in unsere Kultur an allen Ecken und Enden. Und dann als zweites Phänomen, dass er da unter allen Vorzeichen zuhause ist: als Bösewicht, als Schlaumeier, als Sexobjekt, als schönes Tier und als Infektionsüberträger. Er ist einfach überall und dabei alles. (Katrin Schumacher, Literaturwissenschaftlerin)

Berlin ist heute flächendeckend von Füchsen besiedelt, wobei die Größe der Population schwankt. Sophia Kimmig geht von mehreren tausend Tieren aus:

"Das finde ich immer wieder interessant, wie diese Tiere, die ja nun wirklich nicht so klein sind, das schaffen, sich vor unseren Augen unsichtbar zu machen."

Stadt- und Landfüchse unterscheiden sich genetisch

Untersuchungen, die sie im Rahmen ihres Forschungsprojekts an toten Füchsen gemacht hat, zeigen, dass sich Stadt- und Landfüchse genetisch unterscheiden. Das bedeutet: Es wandern keine neuen Brandenburger Füchse mehr nach Berlin ein. Sie vermischen sich nicht mehr. Neuere Forschungen haben auch gezeigt, dass der Fuchs zwar kein klassisches Rudeltier ist, aber doch auch in Familienverbänden zusammenleben kann. Auch das macht er vor allem in der Stadt, erklärt Christof Janko.

"In der Stadt haben Sie jetzt nicht nur ein Paar mit Fähe und Rüde, sondern sie haben eine ganze Familiengruppe, wo der Nachwuchs sozusagen mit dabei ist und auch die Tiere des Vorjahres. Und dann können Sie schon eine Fuchsgruppe haben, eine kleinere Fuchsfamilie von fünf bis sechs Tieren, die dann sozusagen in einem Gebiet leben."

In diesen Familienverbänden gibt es immer ein dominantes Männchen und ein dominantes Weibchen – und daneben auch andere Fähen, die selbst keine Jungen bekommen, aber bei der Aufzucht der Jungtiere helfen und mit auf Nahrungssuche gehen. Zu beobachten ist auch, dass sich das Verhalten der Tiere in den Städten verändert. Wenn man früher tagsüber einen Fuchs sah, war er mit größter Wahrscheinlichkeit krank. Wenn Füchse heute auf städtischen Friedhöfen in der Sonne liegen, dann deswegen, weil sie sich sicher fühlen. Für viele Tiere ist das Leben in der Nacht nur ein Ausweichen vor den Verfolgungen durch den Menschen.

"Wo diese Verfolgungen nicht mehr oder nicht mehr in nennenswertem Umfang stattfinden, werden all diese Nachttiere plötzlich wieder tagaktiv", sagt Reichholf. "Wir haben ganz wenige wirklich echt nachtaktive Fledermäuse zum Beispiel. Aber die haben ein völlig anderes Orientierungssystem. Sonst ist alles und jedes gerne auch tagaktiv."

Vielleicht ist der Fuchs ja schon lange viel gegenwärtiger, als wir denken – und wir haben nur seine Laute nicht erkannt.

"Es ist so, dass mich ganz oft Leute ansprechen: Sie waren irgendwo im Wald unterwegs und dann war da ein total unheimliches Geräusch und das hat geklungen, als wenn ein Kind schreit", berichtet der Jäger Marcus von Jordan. "Und das ist das Fuchsbellen, das ist tatsächlich ein ganz erstaunliches Geräusch. So schrill, und eigentlich echt wie so ein leichter Aufschrei tatsächlich, nennt sich aber Bellen."

Mehr als 40 verschiedene Fuchslaute, von geschlossenem Knurren bis zu offenem Keckern unterschied der Berliner Verhaltensbiologe und Tierstimmenforscher Günter Tembrock schon in den 1950er Jahren.

Der Fuchs als Rebell und Anarchist

Der Fuchs - er hat nicht nur die Fabeldichter inspiriert, sondern auch Schriftsteller wie Henry David Thoreau oder davor schon Johann Wolfgang von Goethe, der selbst eine Fabel nachdichtete: Reineke Fuchs. 

"Ich denke, Goethe hat genau diese Doppeldeutigkeit am Fuchs gereizt und vor allem sein Anarchismus", meint die Literaturwissenschaftlerin Katrin Schumacher. "Reineke Fuchs ist ja auch die große anarchische Erzählung eines sich nicht fügenden Untertan. Was macht der: Er stiehlt und vergewaltigt, er tötet und setzt sich immer wieder über die Gesetze des Königs hinweg."

Illustration zu Goethes "Reinecke Fuchs" (imago / akg-images)Illustration zu Goethes "Reinecke Fuchs" (imago / akg-images)

Möglicherweise spürte Goethe auch eine innere Verwandtschaft mit dem Fuchs:

"Wenn Sie mal nach Weimar kommen und in Goethes Wohnhaus gehen – da kommen Sie in genau so eine Fuchsburg, Goethe hat sein Haus am Frauenplan aufs undurchsichtigste verbaut, da gibt es Wendeltreppen und kleine Stufen, Tapetentüren, schmale Durchgänge. Das ist schon Goethes Zeitgenossen unangenehm aufgefallen, die am klassischen Maß geschult waren. Er hat sich selbst auch immer wieder als Fuchs oder auch mal als alter Merlin in seinem Dachsbau bezeichnet."

Am schönsten zu beobachten sind sie natürlich eigentlich im Winter, nachts auf Schnee. Das ist ein toller Anblick, wenn man das Glück hat, so in einer Mondnacht irgendwo zu sitzen und dann um einen rum die Füchse am Mausen sind. Das ist wirklich bezaubernd, weil die ja dann so ein Mordsfell haben. Einen wahnsinnig tollen Balg und den auch immer so ein bisschen wie ein Vogel plustern. Sie schauen echt doppelt so groß aus wie im Sommer. Und dann eben diese berühmten Sprünge machen auf dem Schnee und dann die Mäuse im Schnee fangen. Und da spritzt so Feuchtigkeit aus dem Pelz raus, wenn die so springen und das glitzert dann so im Mondlicht, also da habe ich schon Anblicke gehabt, wo man echt die Stopptaste drücken will: Okay schöner wird‘s nicht, das ist der Wahnsinn. (Marcus von Jordan, Jäger)

Langsam wird es hell, der Himmel über Oberbayern färbt sich rot und lila. Doch noch ist kein Fuchs zu sehen, obwohl in dieser Fuchsburg hier im Wald schon Generationen von Füchsen herangewachsen sind.

"Der ganze Hang ist eigentlich eine einzige Fuchsburg. Und hier hat mir der alte Pächter noch, der schon lange verstorben ist und der hier seit den 50er-Jahren schon gejagt hat, der hat mir mal erzählt, dass irgendwann mal was untersucht wurde und eben festgestellt wurde, dass diese Anlage schon seit Hunderten von Jahren existiert. Der hat dann immer, ich glaube, so ein bisschen augenzwinkernd, von der tausendjährigen Burg gesprochen."

Marcus von Jordan hat, wie es sich für einen Jäger gehört, an diesem Morgen auch ein Gewehr mit dabei. Allerdings genießen auch Füchse Elternzeit – wenn sie Junge haben, werden die Alten in der Regel nicht geschossen. Für die Welpen gilt diese Schonzeit nicht:

"Es gibt ja solche und solche Jäger. Es gibt welche, die jagen scharf und nutzen tatsächlich jede Gelegenheit, um einen Fuchs zu strecken. Es gibt auch viele wie mich, die jetzt eben auch einfach mal den Finger gerade lassen, weil die Szene einfach schön ist, die sie gerade anschauen dürfen. Und ich bin jemand, der bei aller Liebe es nicht schafft, irgendwie jetzt in so einen Welpenwurf reinzuschießen. Aber so etwas gibt es auch, Leute, die das machen. Ich will  über die nicht urteilen. Aber ich mag es nicht."

Jahr für Jahr werden in Deutschland mehr als 400.000 Füchse geschossen – zum Wohle des Artenschutzes, argumentiert der Deutsche Jagdverband:

"Gerade seltene, spezialisierte Arten wie Kiebitz, Uferschnepfe, Sumpfschildkröte oder zahlreiche Amphibien und Reptilien benötigen für ihr Überleben zwar geeignete Lebensräume. Doch 'schöner Wohnen' reicht nicht. Fleischfressende, räuberische Arten wie der Fuchs - so genannte Prädatoren - haben erheblichen Einfluss."

Wie stark dürfen Füchse gejagt werden?

Der Fuchs selbst hat keinen natürlichen Feind mehr, auch die Tollwut, an der früher viele Füchse starben, ist überwunden. Deshalb könne der Bestand nicht sich selbst überlassen werden, erklärt der Biologe Christof Janko, der auch ein Buch über die Fuchsjagd geschrieben hat:

"Während das Rebhuhn sich zum Beispiel auf der Roten Liste befindet, wird der Fuchs es nie auf die Rote Liste schaffen, weil er einfach zu anpassungsfähig ist und auch sehr gut mit den Verhältnissen draußen zurechtkommt. Aber es geht ja auch darum, Tierarten zu helfen, die aktuell in Mitleidenschaft gezogen sind. Und da möchte die Jagd halt einfach ihren Beitrag leisten."

Ein Mann in Jagdkleidung mit dem Gewehr über der Schulter geht durch einen Wald. (Georg Gruber)In diesem Wald in Oberbayern haben Fuchs und Mensch ihre Ruhe, sagt der Jäger Marcus von Jordan. (Georg Gruber)

Das sieht der Biologe Josef Reichholf "ganz anders, und das beweisen die Zahlen. Denn trotz dieser immensen Verfolgung, der die Füchse ausgesetzt sind, haben sich die Niederwild-Bestände nicht erholt. Die Rebhühner sind nicht häufiger geworden, auch die Hasen nicht und Fasane gibt es weithin nicht mehr, wo sie noch vor fünfzig oder hundert Jahren vorgekommen sind. In der Nachkriegszeit wimmelte es an Wild, trotz vieler Füchse."

Schuld am Artenrückgang sei nicht der Fuchs, sagt Josef Reichholf sondern die intensive Landwirtschaft, die den bedrohten Arten den Lebensraum nehme. Ähnlich sieht es auch der Jäger Marcus von Jordan. Er schießt Füchse nur, wenn sie verhaltensauffällig oder krank sind:

"Wenn ich jetzt hier die Füchse systematisch ausradiere, wird trotzdem kein Rebhuhn auftauchen und auch kein Fasan. Das halte ich für Quatsch."

Biologe Reichholf stellt den Sinn der massiven Bejagung auch aus einem weiteren Grund in Frage:

"Der Fuchsbestand ist hoch produktiv. Er wird so niedrig gehalten, dass alle Jungfüchse, die irgendwie durchkommen, auch überleben können, mit dem Ergebnis, dass die Vermehrung weitergeht. Das ist ein sich selbst auf hohem Niveau reproduzierendes System. Man könnte mit böser Zunge sagen, die Jäger bekämpfen den Fuchs so sehr, damit sie in weiterschießen können."

Der Fuchs - das Heldentier der Kinderbücher

Schlau und listig, man kann ihm nicht ganz über den Weg trauen – so war lange das Bild des Fuchses. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat sich das verändert. In der Literatur wird er zum Berater und vertrauten Gegenüber. Ein frühes und sehr berühmtes Beispiel ist "Der kleine Prinz".

"Der hat ja seinen Wüstenfuchs zur Seite und führt mit ihm philosophische Gespräche", sagt Katrin Schumacher. "Denken Sie an 'Kruso' von Lutz Seiler, da ist die weiseste Figur ein toter Fuchs, der an der Steilküste von Hiddensee liegt und zum Berater des Protagonisten wird."

Auch im Roman "Vor dem Fest" von Saša Stanišić taucht ganz prominent eine Fähe auf. In "Fuchs 8", dem Überraschungsbestseller von George Saunders, einer modernen Fabel, lernt ein Fuchs sogar die Menschensprache, um uns besser zu verstehen – und hat am Ende auch einen Rat für die Menschheit:

"Wenn ir wollt, das oire Geschichten ein Heppi Ent haben, seit einfach mal ein bisschen netter. Ich wart auf oire Antwort. Fux 8. "

Das Heldentier der Stunde ist der Fuchs auch in der Kinderbuchliteratur, sagt die Literaturwissenschaftlerin Katrin Schumacher:

"Und dabei ist der Fuchs durchweg lieb und humanistisch gesinnt, er wird sogar zum Vegetarier und Hühnerliebhaber in den Büchern. Ich habe ja die zugegeben etwas steile These, dass der Fuchs den perfekten Protagonisten in unserer dekonstruierten und hyperkomplexen Postmoderne abgibt. Er entzieht sich permanent einer Eindeutigkeit, in all seiner Niedlichkeit blitzt auch immer das Gegenteil auf. An ihm lässt sich wunderbar zeigen, wie misstrauisch man eindeutigen Zuschreibungen gegenüber sein sollte – weil auch er sich denen ja permanent entzieht."

Und so ist unsere Vorstellung vom Fuchs immer auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft:

"Der Fuchs ist halt so, wie man das Kind heute möchte: smart, gewandt, mit einer kleinen Portion Natur."

Stadtfüchse verhalten sich wie freilaufende Hauskatzen

Die tausendjährige Burg im oberbayerischen Wald verlassen wir, ohne einen Fuchs gesehen zu haben. Wahrscheinlich waren wir zu laut.

"Er hätte natürlich eigentlich sich denken können: Die müssen ungefährlich sein, die Deppen, wenn die im Wald hocken und die ganze Zeit laut reden. Aber so schlau ist er halt dann doch nicht", sagt Marcus von Jordan.

Auch in der Stadt will sich zunächst kein Fuchs zeigen. Erst auf dem Rückweg, als wir das Gelände schon verlassen wollen, kommt dann doch ein Fuchs in Sicht, rotes Fell im Morgenlicht, er bleibt eine Weile stehen, blickt sich um, verschwindet lautlos im Gebüsch. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt.

Sophia Kimmig hat hier schon viele Fuchsbegegnungen gehabt:

"Da saß der Fuchs dann hier auf dem Weg und hat mich beobachtet, ich bin dann ein ganzes Stück näher gekommen und hab mich einfach auch auf den Boden gesetzt. Und dann saßen wir uns da so in 20 Metern Abstand gegenüber und haben uns gegenseitig angeguckt. Irgendwann ist er dann aufgestanden und gegangen, aber er ist bestimmt ein paar Minuten sitzen geblieben."

Wenn man die Füchse in die Städte lasse, würden sie in etwa vergleichbar freilaufenden Hauskatzen, sagt der Biologe Josef Reichholf. Die sich ohne Bindung an ein bestimmtes Haus durchfüttern lassen, aber ansonsten ein freies selbstbestimmtes Leben führen: "Das können Füchse auch machen."

Ein entspanntes Miteinander – es zeichnet sich eine neue Normalität ab im Zusammenleben von Fuchs und Mensch.

Anmerkung: Ein Teil der in der Sendung verwendeten Fuchslaute unterliegen dem Copyright von Andreas Gnensch und Günter Tembrock sowie des Tierstimmenarchivs des Museums für Naturkunde Berlin.

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