Joseph Conrad - "Ich bin vielleicht mehr als ein Schriftsteller der See"

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Dienstag, 04.08.2020
 
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Lange Nacht | Beitrag vom 01.08.2020

Joseph Conrad"Ich bin vielleicht mehr als ein Schriftsteller der See"

Von Astrid Nettling

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Porträt Joseph Conrads, gemalt von Walter Ernest Tittle (1883-1966) mit Öl auf Leinwand (85,1 x 6,99 cm) aus der National Portrait Gallery in London.  (picture alliance / Photo12 / Archives Snark / Walter Ernest Tittle )
Er führte seine Leser ins "Herz der Finsternis": Joseph Conrad. (picture alliance / Photo12 / Archives Snark / Walter Ernest Tittle )

Ein geborener Pole, der in Frankreich Seemann wurde und als englischer Schriftsteller Weltruhm erlangte: Joseph Conrad hat mindestens drei Leben geführt und ein umfassendes Werk hinterlassen. Im Spiegel der See erblickte er die Seele des Menschen.

"Die Reise hatte begonnen und das Schiff zog wie ein von der Erde losgelöster kleiner Planet einsam und eilig seine Bahn. Ringsumher flossen Himmel und See in einer unerreichbaren Grenze ineinander ..."

So schreibt Joseph Conrad in einer seiner zahlreichen Erzählungen. Auch sein Leben gleicht einer langen Schiffsreise, voller Rätsel und Dunkelheiten. Eine Lebensreise in eine stets unbekannte Zukunft, die am 3. Dezember 1857 ihren Anfang nimmt.

Als Józef Teodor Konrad Korzeniowski in der Nähe von Kiew geboren, geht er mit 16 Jahren nach Marseille, heuert als Matrose auf einem Segelschiff an, fährt als Offizier 20 Jahre für die britische Handelsmarine zur See und gelangt danach als der Schriftsteller Joseph Conrad zu Weltruhm. Es ist eine Lebensreise, die auf Polnisch beginnt, im Französischen Fahrt aufnimmt und schließlich in der englischen Sprache, seiner genuinen Sprache als Schriftsteller, mündet.

Bücher so rätselhaft wie der Mensch

Die Lange Nacht begibt sich auf die Spur dieser geheimnisvollen Lebensreise, taucht in die Tiefen von Conrads Schriften und erkundet die Rätsel seines Werks aber auch seiner Person:

"Es ist etwas sich Entziehendes in Conrad, in den Figuren, die er zeigt und schildert, in den Landschaften", erklärt Elmar Schenkel, Anglist, Schriftsteller und Übersetzer. "Fahrt ins Geheimnis" lautet der Titel seiner Joseph-Conrad-Biografie. "Es ist auch die Sprache, wenn er Menschen analysiert, Charaktere darstellt und so weiter. Für ihn selber ist natürlich der Mensch das Rätsel, und er sieht sich als Teil des Rätsels, und so erfährt man die Lektüre seiner Bücher als eine Art großer Rätselschrift."

Geborener Pole wird zum englischen Dandy

Diese Rätselhaftigkeit beginnt schon damit, dass er nicht in seiner Muttersprache schreibt, sondern auf Englisch, so Schenkel: "Das ist so was Verrücktes, das gibt's ganz selten in der Literaturgeschichte, dass man so weit von der Muttersprache weg die erwählte Sprache des literarischen Schreibens findet. Er wird eigentlich heute von allen großen Autoren als großer Stilist des Englischen angesehen, überhaupt nicht als ausländischer Autor."

Joseph Conrad mit Zylinder bei seiner Ankunft in New York 1920. (picture alliance / CPA Media)Joseph Conrad bei seiner Ankunft in New York 1920. (picture alliance / CPA Media)

Neben Conrads Lehrjahren auf See ist das Thema der ersten Stunde der Langen Nacht diese Leidenschaft für alles Englische, die über den bloßen Sprachgebrauch hinausging: "Das ist auch die Bewunderung der englischen Kultur, des Empire, des englischen Gentleman, also, die englische Art und Weise zu leben, das hat ihn sehr beeindruckt." Und tatsächlich soll sich Kapitän Korzeniowski "stets wie ein Dandy gekleidet" haben, wie sich ein Zeitgenosse und Geschäftspartner erinnern wird.

Zwischen Leidenschaft und Ernüchterung

Über seine früh entfachte Liebe für die See schreibt Conrad später: "Wie jede Leidenschaft begann auch diese geheimnisvoll und blieb gefeit gegen alle Anfechtungen der Vernunft." Sie bleibt gleichfalls gefeit gegen alle Enttäuschung und alle Ernüchterung, die seine Passion wie noch jede menschliche Leidenschaft im Leben erfahren muss:

"Bei Sonnenaufgang hatten wir im Westen einen dunklen Fleck ausgemacht, der scheinbar hoch oben im leeren Raum hinter einem schimmernden Schleier silberblauen, leichten Nebels schwebte", erinnert sich Conrad später. "‚Ein sinkendes Wrack, glaube ich, Kapitän‘, sagte der Zweite Offizier gelassen, als er mit dem Fernglas von oben kam. Kurz darauf machten wir einen niedrigen zersplitterten Maststumpf aus, der vorn auf dem Wrack aufragte – das war alles, was von den verlorenen Masten übrig geblieben war. Plötzlich rief ein Mann vorne aus: ‚Da sind Leute an Bord! Ich kann sie sehen!‘"

Auf dem Wrack befinden sich neun völlig entkräftete, halbverhungerte Männer einschließlich ihres Kapitäns: "Das Getöse, mit dem sie in unsere Boote stürzten, hatte eine merkwürdig vernichtende Wirkung auf jenes Wahnbild tragischer Würde, mit dem unsere Selbstachtung die Kämpfe der Menschheit mit der See verklärt. (…) Die schamlose Gleichgültigkeit der See gegen menschliches Leid und menschliche Tapferkeit offenbarte sich in dieser lächerlichen panikerfüllten Szene, zu der sie neun tüchtige und ehrenwerte Seeleute getrieben hatte. (…) In diesem Augenblick überblickte ich leidenschaftslos das Leben meiner Wahl. Seine Illusionen waren verschwunden, aber sein Reiz blieb. Ich war endlich Seemann geworden."

Deprimierende Kindheit

In der zweiten Stunde schauen wir zurück auf die Kindheit Conrads: die Mutter früh gestorben, der Vater ein polnischer Patriot und Freiheitskämpfer, der nach Festungshaft und Verbannung im Bett dahinsiecht: "Conrad kannte eigentlich nur den kranken Vater, wie er da zu Hause liegt. Also, eine höchst deprimierende Umgebung. Vielleicht schlägt sich das alles auch in vielen psychologischen Charakterisierungen bei Conrad später nieder, dieser Pessimismus, diese niederdrückende, politische Gewalt."

Conrad wird den patriotischen Glauben seines Vaters allerdings niemals teilen, nicht seine Hoffnung auf eine geistige Erneuerung seines Volkes und eine Wiedergeburt Polens. Und dennoch wird er stets die Treue achten, die ein Mensch bis zuletzt – sei's auch im schlimmsten Scheitern – seinem Ideal oder seinem Lebenstraum bewahrt.

Vom Seemann zum Schriftsteller

Seinem Traum von der Seefahrt bleibt Conrad auch dann noch treu, als er längst nicht mehr selbst zur See fährt. 1894, mit 36 Jahren und nach 20 Jahren auf See, gibt er sein ‚zweites‘ Leben als Seemann für immer auf und fängt ein ‚drittes‘ Leben an: Aus Józef Teodor Konrad Korzeniowski wird Joseph Conrad, der Erzähler, dessen Schreibfeder die See, das Leben auf See sowie seine Fahrten in den Fernen Osten – in die rätselhafte Inselwelt Südostasiens – zu einer eigenen Wirklichkeit und einem eigenen Leben erweckt.

Eine Karikatur zeigt Joseph Conrad mit einem Segelschiff in den Händen. (picture-alliance / Mary Evans Picture Library / JEFFR)Der in Polen geborene Romancier und Kurzgeschichtenschreiber, war einst Seemann. (picture-alliance / Mary Evans Picture Library / JEFFR)

Conrads Vorstellungskraft hat nicht nur seinem frühen Wunschtraum von einem Leben auf See Nahrung gegeben, sondern lässt jetzt ebenso die Werke entstehen, die in den folgenden 30 Jahren in seinen Erzählungen und Romanen Gestalt annehmen. Erzählungen wie: "Jugend", "Taifun", "Der geheime Teilhaber", "Die Schattenlinie" und "Ein Lächeln des Glücks". Oder Romane wie: "Almayers Wahn", "Der Verdammte der Inseln", "Lord Jim", "Herz der Finsternis", "Das Ende vom Lied", "Nostromo", "Spiel des Zufalls" und "Die Rettung". Und sie lässt damit jene Wahrheit hervortreten, die sich für ihn am getreuesten im Spiegel der See reflektiert. 

Die See: Spiegel des Menschen

"Das macht es ja, dass man ihn einen Seeautor nennt, was er gar nicht mochte", weiß Elmar Schenkel. "Ihm ging es wirklich um eine Bestandsaufnahme des Menschen, dazu ist die See ein Spiegel, aber er ist nicht der Fokus ‚Seeroman‘." An seinen Verleger schreibt Conrad, mit Blick auf die Gestaltung seiner Gesamtausgabe, ausdrücklich: "Ich bin etwas anderes und vielleicht mehr als ein Schriftsteller der See – oder auch der Tropen."

24 Bände werden es in 30 Jahren. Und doch erlebt Conrad das Schreiben über weite Strecken immer wieder als eine deprimierende Quälerei. "Im Verlaufe von acht Stunden schreibe ich drei Sätze, die ich ausradiere, bevor ich verzweifelt den Schreibtisch verlasse." Umso erstaunlicher, so befindet Elmar Schenkel, dass er unter diesen Umständen "so ein großartiges Werk geschaffen hat".

Reise ins "Herz der Finsternis"

In der dritten Stunde der Langen Nacht blicken wir auf Conrads wohl berühmtesten Roman, der ebenfalls auf eigenen Erfahrungen aus seiner Zeit als Seemann beruht:

"Er bekam eines Tages den Auftrag, ein Dampfboot über den Kongo zu führen, um Material und Elfenbein zu transportieren, und hat Tagebuch geführt", erzählt Elmar Schenkel. Im Mai 1890 macht sich Conrad auf den Weg. Ende April reist er schnurstracks nach Brüssel und schließt mit einer belgischen Handelsgesellschaft einen Dreijahresvertrag über ein Schiffskommando ab.

Es werden keine drei Jahre. Conrad erkrankt so schwer, dass er ums Überleben kämpfen und in einer Mission amerikanischer Baptisten behandelt werden muss. Die Wochen heftiger Fieberattacken, Malaria, Dysenterie und schwerer Depressionen sind für ihn Grund genug, seinen Dreijahresvertrag zu lösen. "Es war eine grausame Zeit für ihn", so Schenkel. "Diese Erfahrung hat er dann acht Jahre später angefangen niederzuschreiben, erst in Zeitschriftenform und dann als Buch: ‚Herz der Finsternis‘."

Ungekürzte Lesung von Conrads "Herz der Finsternis":

Die Rahmenhandlung des Buches versammelt fünf alte Freunde auf einer Segeljacht auf der Themse. Einer von ihnen, Charles Marlow, beginnt eine Geschichte zu erzählen, die ihn von diesem vertrauten Fluss in Europa zu seiner Fahrt nach Afrika bringen wird. So treffen wir Marlow, als er nach einer eintönigen Flussfahrt zur Handelsniederlassung im Inneren des Landes dem Elend afrikanischer Sklaven begegnet:

"Kaum war ich in den Schatten eingetaucht, meinte ich, die düsteren Gründe irgendeines Infernos betreten zu haben. Schwarze Gestalten, kauerten, lagen, saßen zwischen den Bäumen, lehnten sich gegen die Stämme, krümmten sich am Boden, halb sich abzeichnend in dem trüben Licht, halb davon verwischt, in allen Stellungen des Schmerzes, der Preisgegebenheit, der Verzweiflung. Dies war der Ort, an dem sie sich zurückgezogen hatten, um zu sterben."

Scharfe Kritik am Kolonialismus

"Er hat da wirklich in ein Wespennest gestochen", urteilt Elmar Schenkel: "Als das Buch erschien, war der ganzen Welt – oder einem Teil der Welt – bewusst geworden, was da eigentlich abging im Kongo, durch die schlimme Kolonialisierung durch den belgischen König Leopold II. Er hatte dort während der Zeit, als Conrad da war, unter seiner eigenen privaten Hand ein System der Ausbeutung aufgebaut, das äußerst brutal war und wo die Afrikaner auch versklavt wurden – obwohl offiziell war das Ziel, die Sklaverei abzuschaffen. Und Conrad war eben im Begriff, sich das bewusst zu machen."

Videobeitrag der FAZ zur Debatte über Denkmal von Leopold II. in Kinshasa:

So schreibt Conrad etwa: "Den Eingeweiden des Landes Schätze zu entreißen, das war ihr Verlangen, und dabei schienen diese Menschen von keiner hochsinnigeren Absicht geleitet zu werden als Banditen beim Aufbrechen eines Geldschranks." Ob er mit Blick auf den britischen Kolonialismus ähnlich offen Kritik geübt hätte, sei zwar fraglich, so Schenkel – zu sehr habe er selber Brite sein wollen. Dennoch kommt der Conrad-Biograf zu dem Schluss:

"Das ist vielleicht immer noch sein aktuellstes Buch – weil es um das Verhältnis des Westens oder der Kolonialmächte zu Afrika geht. Und heute haben wir immer noch Kolonialmächte, die nur nicht so heißen, aber die ihre Rohstoffe aus Afrika holen und dort zu großen Problemen führen."

Durchbruch als Schriftsteller trotz widriger Umstände

Mit dem Beginn seines Schriftstellerlebens 1894 beginnt auch Conrads Familienleben: Im November lernt der 36-Jährige die 21-jährige Jessie George kennen, die er am 24. März 1896 heiratet. Trotz Bedenken einiger seiner Freunde wird es eine glückliche Ehe. Die 15 Jahre jüngere Jessie hat – anders als ihr Ehemann – ein ausgeglichenes Temperament und umsorgt Conrad, in den Zeiten seiner wiederkehrenden Krankheiten und Depressionen, wie ein Kind.

Gruppenbild mit Gattin Jessie, Sohn Borys und einer Besucherin im Garten im Jahr 1914. (picture alliance / akg-images)Joseph Conrad mit seiner Frau Jessie und seinem Sohn Borys auf einem Gruppenfoto im Garten 1914. (picture alliance / akg-images)

Obwohl Conrad intensive Schaffensphasen kennt, erlauben seine schlechte Gesundheit, seine ständigen Geldnöte, aber ebenso die gewissenhafte Sorgfalt, die er auf sein Schreiben verwendet, ein nur langsames Fortkommen. Häufig kann er Abgabetermine bei seinem Verlag oder seinem Agenten nicht einhalten. Dann, mit 57 Jahren, ist Conrad mit seinem Schreiben endlich auch finanziell erfolgreich. Sein Roman "Spiel des Zufalls" wird in Großbritannien und in Amerika ein Bestseller.

Von menschlichen Träumen und Abgründen

Als ihm von der britischen Regierung ein Adelstitel angetragen wird, lehnt er höflich, aber bestimmt ab – wie bereits die Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge. Was ihn dazu zwinge, so Conrad, sei "ein dunkles Gefühl, das vielleicht vom durchdringenden Bewusstsein der inneren Konsequenz eines Lebens herrührt".

Eines Lebens, das er unabhängig von Herkunft und Institutionen geführt hat – und das in seinen letzten 30 Jahren allein seinem Selbstverständnis als Schriftsteller verpflichtet war: Stets ging es um das schillernde Wesen ‚Mensch‘, in das er in den Jahren zur See – auf den Schiffen und in der Inselwelt des Archipels – tiefe Einblicke gewonnen hat. Einblicke in seine dunklen Abgründe wie in seine blühenden Träume, in sein tragisches Scheitern wie in seine geradlinige Treue. Und dabei stets überzeugt von der "Zusammengehörigkeit aller Geschöpfe dieser Welt" – gleichgültig welche Hautfarbe sie haben, in welchen Breiten sie zu Hause und unter welchen Sitten sie aufgewachsen sind.

Produktion:
Autorin: Astrid Nettling; Regie: Stefan Hilsbecher; Sprecher: Birgitta Assheuer, Sebastian Rudolph, Jürg Löw, Verena Buss; Redaktion: Monika Künzel; Webdarstellung: Constantin Hühn.

Über die Autorin:
Astrid Nettling lebt als freie Autorin in Köln. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie, mit anschließender Promotion in Philosophie, Tätigkeit für Printmedien und Rundfunk. Sie schreibt regelmäßig für den Deutschlandfunk und andere ARD-Rundfunkanstalten u.a. Radioessays und Features zu Philosophie, Literatur, Religion, Kunst und Gesellschaft.

Hier finden Sie das vollständige Manuskript dieser Langen Nacht.

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