Kulturförderung - Sichert die kulturelle Infrastruktur!

Seit 20:03 Uhr Konzert

Sonntag, 05.07.2020
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 29.06.2020

KulturförderungSichert die kulturelle Infrastruktur!

Eine Forderung von Martin Lätzel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Illustration von kleinen Geldpflänzchen, die von einer Giesskanne bewässert werden. (Imago / Ikon Images)
Um gedeihen zu können, brauchen nicht nur Pflanzen regelmäßig Zuwendung - das gilt auch für die Kulturförderung. (Imago / Ikon Images)

Über die Kultur werden wir uns als Gesellschaft selbst bewusst und vergewissern uns unserer Werte, meint der Publizist Martin Lätzel. Deshalb dürfe Kulturförderung keine freiwillige Leistung mehr sein, sondern sollte Teil der Daseinsvorsorge werden.

Ich liebe Theaterpremieren! Die gespannte Erwartung bei den Akteuren und den Besucherinnen und Besuchern, Eleganz und gute Stimmung, eine kleine Feier hernach mit anregenden Gesprächen und Tanz. Premieren gehören zu den Abenden im Jahresverlauf, auf die ich mich richtig freue. Und jetzt, in Coronazeiten? Da ist die Welt ohne Kultur für mich trist – aber für die Einrichtungen bitter. Die Einnahmen bleiben aus, der Zuspruch und der Kontakt mit dem Publikum fehlen.

Künstlerinnen und Künstler, Theater, Museen, Volkshochschulen und Musikschulen, um nur einige Beispiele zu nennen, jetzt zu unterstützen, ist ein Gebot der Stunde. Es laufen viele Programme. Jüngst hat die Bundesregierung eine Milliarde für freie Kulturschaffende zur Verfügung gestellt. Das ist für die Überbrückung richtig, doch müssen wir nachhaltig über unser Verständnis von Kultureinrichtungen nachdenken.

Kulturelle Infrastruktur ist ein Public Value

Die kulturelle Infrastruktur in unserem Land stellt einen "Public Value", einen öffentlichen Wert dar. Der Begriff geht auf den Harvard-Ökonom Mark H. Moore zurück. Öffentliche Einrichtungen bedienen in seinem Verständnis nicht primär materielle Wünsche, sondern sie leisten einen substanziellen Beitrag für ein gutes, für ein sinnvolles Leben. Ihr Orientierungspunkt sind Werte: Wie gehen wir miteinander um? Wie gestalten wir unser Leben? Was macht das Leben überhaupt aus? Was bedeutet das Fremde für uns? Was ängstigt, was freut uns? Was gibt zu denken, was Hoffnung? Was kann unseren Alltag transzendieren? Über die Kunst werden wir uns als Gesellschaft selbst bewusst, vergewissern wir uns über unser Zusammenleben.

Public Value bringt also durchaus einen individuellen Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger, verbindet den aber mit Interessen unserer Gesellschaft.

Begreifen wir unsere Kultur wirklich als öffentlichen Wert! Unser Verständnis ist dabei die eine Seite der Medaille. Die praktische Förderung ist die andere. Die Kulturpolitik muss aus diesem Verständnis heraus Ziele für die Kulturförderung formulieren und Kultureinrichtungen als öffentlichen Wert auskömmlich unterstützen.

Knappe Ressourcen und Verteilungskämpfe

Einen großen Teil der kulturellen Infrastruktur tragen die Kommunen. Die knappen Ressourcen – erst recht angesichts der umfangreichen Hilfsprogramme, die nun gestartet wurden – werden allenthalben die Frage nach der dauerhaften Finanzierbarkeit öffentlicher Einrichtungen aufbringen. Schon jetzt werden Verteilungskämpfe heraufbeschworen. Das kann es doch nicht sein, jetzt Kultureinrichtungen zu unterstützen, um sie dann irgendwann einzusparen! Dagegen setzt die Idee des Public Value auf die Anwendung innovativer Lösungen in der Gemeinwohlperspektive. Innovativ heißt hier, mit kreativen Ideen unsere Gesellschaft zu prägen. Man nennt das cultural leadership. Kultureinrichtungen können das.

Die letzten Wochen waren davon geprägt, in kurzer Zeit digitale Infrastrukturen für die Kultur aufzubauen, um überhaupt ein Kulturerlebnis zu ermöglichen. Nun gilt es zu schauen, was wir sinnvoll beibehalten können und wie wir es weiterentwickeln. Dabei dürfen wir die analogen Angebote nicht vernachlässigen. Wir müssen investieren in langfristige Grundlagen, Infrastrukturentwicklung, bewährte Formate und neue Ideen.

Kultur ist kein "Nice-to-have"

Die Förderung von Kultur darf deswegen keine freiwillige Leistung mehr sein, kein Nice-to-have, sondern sie muss eine Selbstverständlichkeit werden. Dafür braucht es mutige finanzpolitische Entscheidungen auf allen Ebenen. Theater, Museen, Bibliotheken, Volkshochschulen, soziokulturelle Zentren und vieles mehr sind Teil unserer Daseinsvorsorge. Der Mensch braucht ein Dach über dem Kopf, etwas zum Essen, klar, aber auch Begegnung, Erkenntnis, Aura und Schönheit.

Genau das alles werden wir dringend benötigen, um uns selbst und als Gesellschaft wiederzufinden. Es heißt, Corona werde uns noch lange begleiten. Das stimmt – wohl. Aber hoffentlich nicht mit Verteilungskämpfen, sondern mit  langfristigen finanziellen Strategien für die kulturelle Infrastruktur und der tiefen Überzeugung, dass Kultureinrichtungen einen wahrhaft öffentlichen Wert darstellen. Theaterpremieren kann ich dann umso beschwingter besuchen.

Martin Lätzel (privat)Martin Lätzel (privat)Martin Lätzel ist Theologe und Publizist. Er ist Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel, arbeitet dort am Aufbau eines Kompetenzentrums für Digitalisierung und Kultur und ist Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Kiel. Als Autor beschäftigt er sich mit Fragen von Kultur und Digitalisierung, Religion und Gesellschaft.

Politisches Feuilleton

"taz"-KolumneEinstürzende Luftbauten
Blick auf einen Ausschnitt der taz-Kolumne mit dem Titel "All cops are berufsunfähig" (Deutschlandradio / Pia Behme)

Eine "taz"-Kolumne greift die Polizei an, der Innenminister blamiert sich, die Zeitung konsultiert nach Drohungen hilfesuchend die zuvor beschimpfte Polizei. Autorin Pieke Biermann entdeckt hinter der Eskalationsspirale vor allem Denkfaulheit. Mehr

SklavereiHöchste Zeit für Reparationen
Sklaven arbeiten in einer Zuckerrohrplantage, bewacht von Aufsehern auf Pferden und Hunden. (imago images / United Archives International)

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte hat jüngst zu Wiedergutmachung für die Sklaverei aufgefordert. Die Proteste in den USA fachen die Debatte zusätzlich an. Der Historiker Max Paul Friedman findet, es sei höchste Zeit für Reparationen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur